Leben

#refugeeswelcome #bloggerfürflüchtlinge und meine Oma

Seit einigen Wochen überlege ich, einen Post zur aktuellen Flüchtlingssituation zu schreiben. Ja ich, wo ich hier doch so überhaupt nicht politisch bin und wo ich selbst weiß, dass ich zu der momentanen Situation sicherlich kein fundiertes Wissen habe. Ich lese keine großen Zeitungen, ich lese Artikel auf Facebook oder auf Blogs. Ich kenne mich nicht wirklich aus, aber ich habe eine Meinung und ich möchte mit Euch meine Gedanken teilen.

Meine Oma ist im zweiten Weltkrieg mit fünf Kindern geflohen. Ihre Nachbarn machten sich auf die Flucht und sie flehte sie an, sie mitzunehmen. Die Nachbarn haben es ihr verweigert, worauf meine Oma zu ihnen sagte: „Ich wünsche euch nichts Böses, aber ich wünsche euch, dass es euch einmal genauso geht wie mir gerade.“ Daraufhin haben sie sie mitgenommen. Meine Oma hatte vier Kinder und ein Baby. Sie hat die Kinder genommen, Kindersachen gepackt, einen Anzug für meinen Opa – damit er sich nach dem Krieg ordentlich bewerben konnte -, Schnapsflaschen für mögliche Bestechungen auf der Flucht und ein paar Erinnerungsfotos. Das alles hatte unten im Kinderwagen und in einem Köfferchen Platz. Meine Oma hat nach der Flucht deutlich gespürt, dass sie nicht willkommen sind.

Und heute?
Ich bin Enkelin einer Flüchtlingsfamilie. In meiner Stadt wurde eine Turnhalle in ein Flüchtlingslager umfunktioniert. In meinem Kopf schwirren so viele Gedanken, die irgendwie verarbeitet und sortiert werden müssen.

– Hier fliehen Menschen zu uns, in der Hoffnung auf ein gutes Leben. Ein Leben ohne Krieg, ein Leben ohne Hunger, ein gutes Leben.
– Wir haben das Glück, in einem Land aufzuwachsen, dem es gut geht. Glück gehabt, kann man da nur sagen.
– Uns geht es im Vergleich blendend mit unseren Smartphones, Laptops, Autos, unserem Zuhause, den Coffee-to-go-Bechern, in einem friedlichen Land.
– Es gibt Menschen, die sich darüber aufregen, dass Flüchtlinge ein Handy haben um Kontakt zu ihrer Familie zu haben.
– Was muss diese Menschen dazu bewegt haben, in ein überladenes, lebensgefährliches Boot einzusteigen?
– Was haben diese Menschen erlebt, dass sie alles, wirklich alles, hinter sich lassen und aufbrechen?
– Wie kann es sein, dass über 70 Menschen in einem Lastwagen sterben müssen?
– Wie kann es sein, dass sich Eltern hier in unserer Stadt darüber beschweren, dass die Turnhalle nun ein Flüchtlingslager ist und die Kinder keinen Sport mehr machen können?
– Wie viele Menschen in meiner Umgebung haben auch eine Flüchtlingsgeschichte in ihrer Familie?
– Warum denken manche Mitbürger, dass Menschen nur bei Krieg fliehen „dürfen“?
– Noch vor 30 Jahren sind Menschen aus der DDR geflohen.
– Wir sind alle Menschen auf einer Erde. Wer hat das Recht zu sagen, dass in „unser Deutschland“ niemand rein darf?
– Völkerwanderungen gibt es seit Jahrhunderten.
– Wenn ich höre, dass Flüchtlinge gewalttätig werden oder sich nicht unseren Gesetzen beugen, kann ich nur sagen: Es gibt auch viele Deutsche, die gewalttätig sind und sich nicht unseren Gesetzen beugen.
– Wenn ich höre, dass bei uns Rentner kaum überleben können, weil sie nicht genug Geld vom Staat bekommen – Flüchtlinge aber eine Wohnung gestellt bekommen – dann muss ich sagen, dass diese Rentner leider auch schon vor der großen Flüchtlingswelle zu wenig Geld zum Leben bekommen haben.
– Ich kann keinen Flüchtling, dafür verantwortlich machen, dass die Politik an vielen Stellen, die unsere Bürger betreffen, versagt.
– „Sind da auch Ausländer?“ „Nein da sind nur Kinder.“ Kindergedanken sollten viel mehr auch Erwachsenengedanken sein, wie in diesem Video.
– Die Münchner haben in den letzten Tagen beispielhaft Flüchtlinge am Hauptbahnhof empfangen. Das ist toll!

An alle Idioten da draußen, die pauschal gegen Flüchtlingshilfe sind, an all die Dummschwätzer, an alle sogenannten „besorgten Bürger“, an all die unterbelichteten Stammtischparolenschwinger: Ich halte es wie meine Oma: Ich wünsche Euch nichts Böses, aber ich wünsche Euch, dass Ihr einmal in die gleiche Lage kommt, wie die Flüchtlinge, die gerade zu uns kommen.

Und an alle, die genauso wie ich, viele Gedanken im Kopf haben, aber nicht so recht wissen, wie sie helfen können:
Macht den Mund auf. Übernehmt das Wort. Und spendet.

Eure Annette

P.S.: Wer Zeit und Lust hat, findet auf #bloggerfürflüchtlinge eine Menge Hilfreiches: Ein Spendenkonto, Informationen zu Sachspenden sowie Gedanken vieler Blogger zum Flüchtlingsthema. Helfen kann jeder!

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12 Kommentare

  • Antworten
    Anonym
    3. September 2015, 08:47

    Danke, liebe Annette, für deine klaren und so wahren Worte. Liebe Grüße, Emilia

  • Antworten
    Planet Hibbel
    3. September 2015, 09:11

    Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Das sind die gleichen Gedanken die mir täglich durch den Kopf spuken. Liebe Grüße, Nadine

  • Antworten
    Julia (mammilade)
    3. September 2015, 09:34

    Liebe Annette,

    tolle, wahre Worte hast du gefunden!
    Und eine tolle Form für deine Worte!!
    Ich habe mich gestern auf dem Blog für eine Mini-Versteigerung zu Gunsten der Aktion #BloggerFuerFluechtlinge entschieden…
    Ich hoffe, es interessiert überhaupt jemanden… 😉
    Ansosnten werde ich anders aktiv…
    Es gibt ja viele Möglichkeiten!

    Liebsten Gruß
    Julia

  • Antworten
    Silke-Lara
    3. September 2015, 15:04

    Danke für diese Zeilen…jeder, wirklich jeder von "uns normal denkenden MENSCHEN" sollte im Rahmen seiner Möglichkeit den Mund aufmachen…und natürlich auch helfen…Danke, dass du deine Gedanken mit uns geteilt hast…ich bin ganz bei dir…
    Silke-Lara, die nur ganz selten einen Kommentar bei einem Blog hinterlässt…aber das war mir wichtig…

  • Antworten
    Siglinde vom Ideentopf
    3. September 2015, 15:19

    liebe Annette, danke
    danke für diese Zeilen und diesen Post
    GLG Siglinde

  • Antworten
    Sabine / Insel der Stille
    3. September 2015, 17:19

    Liebe Annette,
    ein wichtiges Thema ganz wunderbar auf den Punkt gebracht!
    Wir waren heute unterwegs und haben allerhand Kisten mit Kleidung,
    Spielwaren & Co. für die Flüchtlinge abgegeben. Sicher nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber schonmal ein kleiner Anfang.
    Liebe Grüße,
    Sabine

  • Antworten
    Anonym
    3. September 2015, 19:05

    Liebe Annette,

    danke für Deine wunderbaren Worte!!

    Hier ein Auszug aus den Aufzeichnungen meiner Mutter, die als Zwölfjährige mit der Familie aus Pommern geflohen ist:

    "Am 27. Oktober 1945 stiegen wir in Schlochau in den Zug. Es war ein Viehwaggon. Der Zug sollte nach Berlin gehen. Zu der Zeit hatten Hunderte Menschen eine Ausreisegenehmigung bekommen. War das ein Gedränge und Geschupse. Die Familien wollten zusammen bleiben, was sehr schwierig war. Endlich setzte sich der Zug langsam in Bewegung. Da die Bahngleise vom Krieg sehr zerstört worden und z.T. von der Besatzung abgebaut und nach Russland transportiert worden sind, herrschten chaotische Zustände.
    Unterwegs gab es immer wieder stundenlage Aufenthalte und Razzien. Es wurde nach deutschen Soldaten gesucht. Junge Frauen wurden aus dem Zug geholt. Sie konnten sich noch so sehr auf Alt hergerichtet haben, sie wurden entdeckt! Unsere Angst ist nicht zu beschreiben.
    Wir standen oder lagen auch hier wieder wie die Ölsardinen in den meist offenen Wagen. Ob wir vor Stettin wieder umsteigen mussten, weiss ich nicht mehr. Wir sind zu oft aus den Zügen rausgeholt worden. An irgend eine Versorgung während der Fahrt kann ich mich nicht erinnern. Das eine weiss ich aber ganz genau: Wir hatten ja keine Kleidung mehr und auch keineWäsche zum Wechseln. Waschen konnten wir uns auch nirgens. Wir waren voll mit Läusen und Flöhen. Und niemand wusste, wann die Bahnfahrt ein Enden haben würde und was überhaupt auf uns zukommen wird. Gerüchte über alles Mögliche gehen dann besonders stark herum und machen unbeschreibliche Angst.
    Wir wussten nicht, wo wir landen würden. Es hieß, dass immer ein Zug Richtung Berlin fahren würde, der andere nach Sibirien.
    Irgendwann, zwischen Stettin und Berlin ging es nicht weiter. Wir mussten den Zug verlassen und kamen in ein großes Lager. Es bestand aus Holzbaracken. Ich erinnere noch gut, dass dort alles voll mit Etagenbetten stand. Wir bekamen ein!!! Etagenbett für 6 Personen zugewiesen. Es war sehr eisig, denn mittlerweile hatten wir November. Die Stimmung war bedrückend in diesem stickigen, miefigen Raum, in dem etwa 80 Personen untergebracht waren. Essen bekamen wir aus der Gulaschkanone. Meistens waren Kartoffeln und Gemüse verfroren und schmeckten widerlich. Aber der erste Hunger war gestillt."

    Diese Sätze zeigen, das sich nicht wirklich etwas geändert hat.
    Die Familie hat es geschafft, irgendwann anzukommen. Hier wurde die letzte Etappe der Flucht geschildet. Es gibt deutlich furchtbarere Passagen und auch die Ankunft und die ersten Jahre in Schleswig-Holstein waren sehr schwer und belastend. Flüchtlinge wurde von den Einheimischen abgelehnt, es herrschten die selben Vorurteile vor, wie man sie auch heute immer wieder hört…

    In den letzten Wochen habe ich das Album, in dem sie für ihre Kinder und Enkel aufgeschrieben hat, was sie in der NS-Zeit, während des Krieges und in der Nachkriegszeit erlebt und erleidet hat. Für diese Arbeit bin ich mehr als dankbar.

    Den Menschen, die heute nach Europa kommen, die genau wie vor 70 Jahren vor Krieg und Elend und der Gefahr, getötet zu werden, fliehen, muss geholfen werden. Wir alle sind gefordert, ihnen emphatisch zu begegnen. Uns geht es gut! Ich bin froh und sehr glücklich, dass es genügend Beispiele in unseren Land gibt, die aufzeigen, wie die Leute ticken. Deutschland ist nicht nur ein Land, dessen Bewohner zeigen, dass sie Fußball feiern können, dass sie pflichtbewußt und ordentlich sind. Die Mehrzahl der Menschen ist auch mitfühlend und barmherzig. Ich bekomme das seit einer Woche tagtäglich in der Kleiderkammer in der Messehalle Hamburg mit, in der in kürzester Zeit eine gigantische Kleiderkammer entstanden ist. Einfach so, aus dem Nichts. Eine Handvoll Menschen hat angefangen, mittlerweile kommen täglich 300, 400 Menschen zum Helfen, Sortieren, Verpacken. Es wird einfach gemacht! So entsteht etwas. Sowas macht Mut und Hoffnung. Deutschland ist mehr als Heidenau!

    Liebe Grüße,
    Hannah
    Liebe Grüße,
    Hannah

  • Antworten
    Kebo homing
    4. September 2015, 06:46

    Danke für Deine Gedanken dazu, ich sehe es auch so. Jeder kann einen kleinen Beitrag leisten, auch schon ein Lächeln und ein freundliches Wort hilft, sie willkommen zu heißen.
    Bis bald und liebe Grüße,
    Kebo

  • Antworten
    Judika
    4. September 2015, 08:09

    Ja, jeder von uns kann auch in so eine Situation kommen – auch wenn wir es für unwahrscheinlich halten.
    Danke Deinen Bericht
    Judika

  • Antworten
    Judika
    4. September 2015, 08:09

    Ja, jeder von uns kann auch in so eine Situation kommen – auch wenn wir es für unwahrscheinlich halten.
    Danke Deinen Bericht
    Judika

  • Antworten
    Tanja (vom Schloss)
    4. September 2015, 14:12

    Danke!

  • Antworten
    jahreszeitenbriefe
    5. September 2015, 19:53

    Liebe Annette, ich lese seit "SinnBLICK" bei dir immer wieder mal und möchte dir heute sagen: DANKE ;-). Herzliche Grüße dir und deiner Familie – Ghislana

  • Antworten